Geflüchtet, unerwünscht, abgeschoben

„Lästige Ausländer“ in der Weimarer Republik

09.05. | 19.30 Uhr
13 € | erm. 6 €

Kooperation mit der Universität Bremen, FB Geschichtswissenschaft.
Mit: Peter Lüchinger, Michael Meyer, Petra-Janina Schultz, Markus Seuß.

Das 20. Jahrhundert gilt als das Jahrhundert der Flüchtlinge. - „Flüchtlingsstrom gestaut“, „Grenzen des Gastrechts“, „Sind wir schutzlos gegen Ausländer?“ – so lauteten Titel in der deutschen Presse Anfang der 1920er Jahre. Der Flüchtlingsbewegung aus Osteuropa nach dem Ersten Weltkrieg begegneten weite Teile der deutschen Politik und Gesellschaft ablehnend – auch in Bremen.
Forderungen nach Schließung der Grenzen, nach Abschiebung von Flüchtlingen oder Einrichtung von Internierungslagern waren weit verbreitet, ebenso wie Parolen wie „Ausländerflut“, „Überfremdung“ und „lästige Ausländer“.
Wer war „nützlich“ und durfte bleiben, wer war „lästig“ und musste gehen? Diese Zuschreibungen entschieden über die Zukunft von „AusländerInnen“. Wer oder was lästig war, bestimmten die Behörden.

Im Mittelpunkt der szenischen Lesung, dem 9. Projekt von „Aus den Akten auf die Bühne“, steht der Umgang mit „lästigen Ausländern“ der 1920er Jahre in Bremen.

Hier geht es zum Trailer:

https://www.youtube.com/watch?v=cnryn2jtadE&feature=youtu.be


Die Angst vor dem Fremden
“Aus den Akten auf die Bühne” erzählt vom Schicksal der “Ostjuden”

1931 war es soweit. Die letzten sogenannten Ostjuden, die in den Auswanderungshallen Lloydheim ausharren mussten, fuhren per Schiff in die USA. Dieses Ereignis ist in den Akten des Bremer Kriminalpolizeirats Lür Bollmann mit „es sind alle Juden abtransportiert“ vermerkt. Ein simpler Satz, der mit einem gewissen Triumphgefühl niedergeschrieben worden sein wird, wahrscheinlich musste Bollmann sich zurückhalten, nicht doch ein Ausrufezeichen hinzuzufügen. Der Satz beschließt die Akte „Kontrolle des Verbleibs russischer Auswanderer im Lloydheim“, die sechs Jahre umfasst. Und er beendet den jüngsten Aufschlag der Doku-Reihe „Aus den Akten auf die Bühne“, bei der die Shakespeare Company mit der Universität Bremen zusammenarbeitet. Bisher wenig beachtete historische Themen sollen unter diesem Titel einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Erkenntnisse für die Gegenwart erwünscht.
Bei „Geflüchtet, unerwünscht, abgeschoben“, das am Donnerstagabend Premiere hatte und erst in den nächsten Spielzeit wieder zu sehen sein wird, drängen sich sofort Parallelen zur aktuellen Flüchtlingsdebatte auf. „Lästige Ausländer in der Weimarer Republik“ lautet der Untertitel. Das Wort „lästig“ kommt in den Texten über die Menschen, die ab 1919 vor Hunger und vor Pogromen aus Russland, der Ukraine oder Polen flüchten mussten, oft vor; Peter Lüchinger, Petra-Janina Schultz, Markus Seuß und Michael Meyer tragen sie auf schmuckloser Bühne vor. Destilliert worden sind die Texte aus Akten, Flugblättern, Zeitungsberichten aus den Jahren 1919 bis 1931; Regisseur Lüchinger hat die Ausgrabungsarbeiten der Uni zu einer erschütternden Collage verdichtet, die zeigt, dass die Leitmotive für Fremdenfeindlichkeit bis heute dieselben sind und stets in diffusen Ängsten wurzeln.
Kaum waren die ersten Juden aus Osteuropa in Deutschland angekommen, wurde darüber geklagt, dass sie Deutschen die Wohnungen streitig machten, kriminell seien und sowieso nicht hineinpassten in die Gesellschaft. Von diesen Einschätzungen, die sich mit mehr oder weniger offenem Antisemitismus paarten, bis zur Forderung, man müsse diese Menschen in Sammellagern unterbringen, war es nicht weit. Auch in Bremen nicht. Schon im Januar 1920 dachte man über „Konzentrationslager“ nach.
Der Ton wurde im Laufe der zwölf Jahre schriller, der Umgang mit den Flüchtlingen erbarmungsloser, sie vegetierten in Baracken, vor allem aber wollte man sie loswerden. Auch in Bremen war nichts von christlicher Nächstenliebe zu spüren. Lüchinger schlüpft in die Rolle dreier Flüchtlinge, die gegen ihre Ausweisung Beschwerde einlegten. Die Kaltschnäuzigkeit, mit der der Senat sie abwies, lässt erschaudern, ob es sich nun um Senatspräsident Donandt handelte oder um Justizsenator von Spreckelsen. Einzig Bausenator May widersprach, wurde aber überstimmt. In unfreiwillig schwarzhumorig absurdes Theater gleitet die Auseinandersetzung der bremischen mit der preußischen Verwaltung um die Unterbringungskosten für Flüchtlinge im Lager Cottbus ab - wo der Mensch dem Menschen nur Last ist, da wird er schnell zur Nummer degradiert. 1931 schrieb dann Lür Bollmann seinen Schlusssatz. Die er meinte, hatten Jahre hinter sich, in denen sie verachtet und misshandelt wurden. Und doch hatten sie, wenn man sich den weiteren Fortgang der Geschichte in Deutschland ansieht, noch Glück.

Weserkurier, 28. Mai 2016. Von Iris Hetscher.


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