Herrenverkehr – Der Fall Kolomak in Bremen

Aus den Akten auf die Bühne – Szenische Lesung im Landgericht/ Schwurgerichtssaal

8.11. | 19.30 Uhr **
**12/erm. 6 Euro | Für Schulklassen in Lehrerbegleitung 4 Euro p.P.

Mit: Tobias Dürr, Tim D. Lee, Peter Lüchinger, Michael Meyer, Franziska Mencz, Beate Weidenhammer

Die szenische Lesung führt in das Nachtleben Bremens in den 1920er Jahren und zu den Vergnügungsstätten vom Astoria über das Atlantic zum Tivoli. Sie zeigt, welches Verhalten von jungen Frauen erwartet wurde. Auf der Anklagebank saß auch die durch Krieg und Inflationszeit veränderte Moral zwischen den Geschlechtern.

Am 15. Juni 1927 eröffnete das Schöffengericht den Prozess gegen die „Schustersfrau Elisabeth Kolomak“ wegen Kuppelei, begangen an ihrer 1924 verstorbenen Tochter Lisbeth. Die Hauptverhandlung im Schwurgerichtssaal des Landgerichts dauerte drei Tage, über 40 Zeugen hatte der erste Staatsanwalt geladen, sogar ein Lokaltermin im Haus der Familie Kolomak wurde nach einem langen Sitzungstag noch anberaumt.
Am Anfang der Geschichte stand eine literarische Sensation der 1920er Jahre. Im Dezember 1926 erschien unter dem Titel „Vom Leben getötet“ das Tagebuch eines siebzehnjährigen Mädchens. Es enthielt massive Vorwürfe gegen die Behandlung geschlechtskranker junger Mädchen und Frauen durch die Sittenpolizei und die Krankenanstalt. Das Buch deckte auf, welchen Gefahren junge lebenslustige Mädchen in der Großstadt ausgesetzt waren und wie leicht sie auf die schiefe Bahn geraten konnten. Bremen wurde als Ort des Geschehens, Lisbeth Kolomak als Verfasserin identifiziert. Das Tagebuchs öffnete bürgerlichen Leser/innen eine unbekannte Welt – vergleichbar dem Bericht von Christiane F. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Zwischen der Veröffentlichung des Tagebuchs und der Verhaftung der Mutter Elisabeth Kolomak wegen Kuppelei vergingen nur wenige Wochen. In der U-Haft gestand sie, dass sie selbst das Tagebuch nach dem Tod ihrer Tochter verfasst habe.

Das Delikt der Kuppelei, (d.h. Gewährung oder Verschaffung von Gelegenheit von außerehelichem Geschlechtsverkehr) und dieser große Aufwand der Justiz - das passte für viele zeitgenössische Beobachter/innen nicht zusammen. Während in anderen Städten spektakuläre Mordprozesse - wie das Verfahren gegen den Serienmörder Haarmann in Hannover - für Aufsehen sorgten, war es in Bremen der Fall Kolomak, der die Hansestadt ins Rampenlicht der reichsweiten Öffentlichkeit rückte.
Auf den Titelseiten großer Tageszeitungen und der Boulevardpresse, der Presse der Arbeiterbewegung und des katholischen Rheinlands wurde der „Bremer Sittenskandal“ mit deutlichen Schlagzeilen prominent platziert. Carl von Ossietzky und der gesellschaftskritische Zeichner Erich Godal verfolgten neben rund 30 Journalisten aus dem In-und Ausland den Prozess. In Bremen selbst tobte eine Presseschlacht sondergleichen zwischen der Bremer Volkszeitung und ihrem Wortführer Alfred Faust auf der einen Seite und den Bremer Nachrichten und deren Chefredakteur Georg Kunoth auf der anderen Seite.

Im ersten Teil der Lesung wird aus der vielleicht längsten Debatte der Bremischen Bürgerschaft vorgetragen. Bis weit nach Mitternacht diskutierte die Bürgerschaft insgesamt über sieben Stunden leidenschaftlich über Sitte und Moral am Beispiel der Lebensweise von Mutter und Tochter Kolomak. Im zweiten Teil wird der Prozess aufgrund der Unterlagen im Staatsarchiv und der Berichterstattung in der Presse rekonstruiert.

Das Projekt „Aus den Akten auf die Bühne“, die bundesweit einmalige und erfolgreiche Kooperation zwischen Geschichtswissenschaft und Theater, ist Bestandteil des Schwerpunktes „Geschichte in der Öffentlichkeit“ des Masterstudiengangs im Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bremen. Studierende aus diesem Projekt haben intensiv Archiv- und Literaturrecherchen betrieben, stellen das Material der Lesung für die bremer shakespeare company zusammen, entwickeln die Website des Projekts und beteiligen sich an der Werbung. Zu der Lesung erscheint ein umfangreicher Begleitband, der mit Beiträgen der Studierenden, zahlreichen Dokumenten und Abbildungen den Zuschauer/innen die Facetten des Skandals vermitteln wird.

Die Präsidentin des Landgerichts Bremen unterstützt die Veranstaltung und stellt den Schwurgerichtssaal als „Bühne“ zur Verfügung.

Koproduktion mit der Universität Bremen.
Die Projektgruppe unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. Eva Schöck-Quinteros setzt sich aus Studierenden verschiedener Studiengänge zusammen: Geschichte, Soziologie, Kulturwissenschaften, Linguistik, Jura.

Über frühere Projekte, Resonanz in den Medien, Preise informiert die Website:: www.sprechende-akten.uni-bremen.de.