Der Kaufmann von Venedig
von William Shakespeare
Übersetzung: Maik Hamburger.
Regie: Nora Somaini.
Ausstattung: Uschi Leinhäuser.
Mit: Tobias Dürr, Tim Lee, Peter Lüchinger, Petra-Janina Schultz, Markus Seuß, Beate Weidenhammer.
Der venezianische Kaufmann Antonio, gerade selbst knapp bei Kasse, leiht vom
Juden Shylock 300 Dukaten, damit sein Freund Bassanio, standesgemäß um seine
geliebte Portia, eine lukrative Partie, werben kann. In Erwartung, bald wieder
liquide zu sein, lässt sich Antonio auf die Bedingung Shylocks ein: bei
Nichteinlösung des Schuldscheins zum festgelegten Termin, darf sich Shylock ein
Pfund Fleisch aus Antonios Körper schneiden.
Bassanios Werben um Portia hat Erfolg, doch Antonio ereilt die Nachricht, dass
seine Schiffe gesunken und er ruiniert ist.
Trotz Bassanios Angebot, Antonios Schuld dreifach abzugelten, besteht Shylock
auf seinem Pfund Fleisch. Seine Unnachgiebigkeit nährt sich aus Rachsucht für
all die Schmähungen, die er als Jude zu erdulden hat: er besteht auf der
buchstabengetreuen Erfüllung seiner Bedingung. Doch seine verbissene Suche nach
Gerechtigkeit kehrt sich gegen ihn selbst. Portia, als Rechtsgelehrter
verkleidet, verkündet zwar, dass sein Anspruch zu Recht bestehe, dass er aber
bei seiner Handlung kein Blut vergießen dürfe. Damit muss Shylock auf die
Einlösung der Schuld verzichten. Als Strafe für seine unmenschliche Bedingung
verliert er sein Vermögen an Antonio. Zu allem Unglück verliert er auch noch
seine Tochter, die, um seinem strengen väterlichen Regiment zu entkommen, mit
Lorenzo durchbrennt, und wird auch aus der Gemeinschaft der Juden
ausgeschlossen, weil er sich per Gerichtsbeschluss taufen lassen muss.
Die Regisseurin Nora Somaini inszeniert das Stück aus der radikal
subjektiven Perspektive des Kaufmanns Antonio. Finanzielle und emotionale
Abhängigkeiten, die Suche nach absoluter Sicherheit vor dem Risiko und die
Angst vor der eigenen Schwäche bestimmen den Handel, den der Kaufmann Antonio
und der Bankier Shylock in Venedig abschließen. Antonio, aufgerieben zwischen
finanzieller und persönlicher Hybris, bietet seinem Gegner Shylock selbst sein
eigenes Fleisch als Pfand gegen ein Darlehen an.
Ein Angebot, das Shylock, menschlich und gesellschaftlich zutiefst beleidigt
und verachtet, nicht ablehnen kann - endlich sieht er seinen Moment der Rache an
Antonio und Venedigs Handelshonoratioren gekommen.
Traumähnliche Filmprojektionen spiegeln das Innenleben der Figuren, das unter dem Zwang der gesellschaftlichen und ökonomischen Rollenbilder eben nicht „gelebt“ werden kann.
Nora Somaini hat in ihrer Inszenierung die Charaktere sehr exakt
herausgearbeitet. Sie hat neben den technischen Neuigkeiten auch eine ungewohnt
puristisch und gleichzeitig prägnante Arbeit auf die Bühne gebracht. Dem
Ensemble, dem auch körperlich viel abverlangt wurde, sowie dem Publikum, das so
etwas bisher aus der shakespeare company nicht kannte, schien es großen Spaß
gemacht zu haben.
Bremer Anzeiger
Frischer Wind bei den Shakespeares! Im Stück wird hinreißend getanzt
und mit Videoinstallationen gearbeitet. Vor allem sorgen Urgestein Peter
Lüchinger als Shylock und Beate Weidenhammer als Portia für herrliche Momente.
Der Lohn: Applausgewitter vom Publikum.
Bild
Wenn Shylock die Stimme erhebt und vom „teuer erkauften Pfund
Fleisch“ spricht, welches er nun aus seinem Handelspartner Antonio
herauszuschneiden beabsichtige: Dann, spätestens dann ist auch die
wohlmeinendste Deutung hinfällig geworden. An der bremer shakespeare company
hat sich nun Peter Lüchinger der riskanten Rolle angenommen; im Vertrauen
darauf, dass der Schweizer Regisseurin Nora Somaini eine zeitgemäße und
gleichwohl schlüssige Deutung gelingen würde.
Schließlich beendet Saleria als Vertreterin des Gerichts das unwürdige Spiel.
Dies allerdings geschieht nicht aus moralischen Gründen, sondern vielmehr, um
mittels juristischer Finessen dem Staat den strittigen Betrag zuzuschustern.
Eine frappierende und einleuchtende Interpretation: Der Dialog der bürgerlichen
Gesellschaft reduziert sich auf ökonomische Überlegungen, doch bevor das Geld
fließt, greift es die Staatsmacht ab. Sinnhaft begründetet Medieneinsätze
vervollständigen das Gesamtbild einer hervorragenden Regie.
Im Zusammenspiel mit einer darstellerischen Leistung, die besonders bei dem
geschäftsmännisch auftretenden Peter Lüchinger überzeugt, resultiert daraus
einer der besten Abende, die in den vergangenen Jahren am Leibnizplatz zu
erleben waren.
Kreiszeitung
…entpuppte sich rasch als wahres Bühnen-Highlight. toll umgesetzt
und großartig gespielt.
Weser-Report
Mit ihrem „Kaufmann von Venedig“ zeigt sich die bremer shakespeare
company ästhetisch im neuen Licht. In der Inszenierung von Nora Somaini geht es
äußerst körperlich zu und erstmals sind auf der futuristisch kalt gestalteten
Bühne Videoprojektionen zu sehen. Ein Wirtschaftskrimi aus Oberitalien, so
kommt auch die gut zweistündige Inszenierung daher. Sehr kurzweilig und ohne
Pause lässt Nora Somaini die Geschichte um Rache, Hass und die Macht des Geldes
als Rückblende aus der subjektiven Sicht des Kaufmanns Antonio erzählen.
Überhaupt trumpft die Inszenierung mit Ideenreichtum und Bezügen zur
heutigen Wirtschaftswelt auf. Somainis „Wirtschaftskrimi“ offenbart
menschliche Beziehungen als Gebilde finanzieller wie emotionaler
Abhängigkeiten. Sie entlarvt die Spiele der Macht als Netz aus Sex,
Unterwerfung, Unterdrückung und Gewalt. Somaini findet immer wieder neue
Sinnbilder. Insgesamt ist dieser Kaufmann eine kurzweilige und jugendlich
wirkende Inszenierung, die von der ungebremsten Spielfreude des 6-köpfigen
Ensembles getragen wird.
Diabolo
Peter Lüchinger, Urgestein der bremer shakespeare company, spielt den
Shylock, Tim Lee den Antonio, die Titelrolle: Er ist der Kaufmann von Venedig.
Dieses „ist“ steht da nicht nur der Konvention halber. Es steht da mit gutem
Grund. Und vor allem und vorneweg ist Lüchinger Shylock, ein sehr sehenswerter
Shylock. Das liegt vor allem am Regie-Ansatz. Die Figuren sind in kühles
Videolicht getauchte Bewohner einer unbestimmt-klinischen Welt heutiger
Hochfinanz: Somaini hat sie mit Lust an der Aggression gezeichnet. Sympathisch
ist niemand. Aber ihr erbitterter Kampf berührt.
taz
In Somainis ungemein präzis konturierten Charakteren steckt eine Fülle
an überraschendem Deutungspotenzial. Sie deckt auf, dass das Verhältnis von
Antonio zu seinem Busenfreund Bassanio latent homoerotisch ist. Nur mit Mühe
zähmt Markus Seuß als Bassanio Portia, die so widerspenstig wie einst Turandot
ihr Kästchen-Rätsel stelllt. Grandios choreografiert die Szene, in der sie
zuvor von einer anonymen Menschenmenge sexistisch bedrängt wird. Nora Somaini
zeigt hier Ursache und Wirkung einer latenten Aggressivität. Tim Lee zieht uns
als Antonio in den beklemmenden Sog seiner existenziellen Ängste hinein. Der
Außenseiter Shylock ist nicht der ewige Jude, sondern ein „Kondottiere des
Geldes, ein Triumphator der wirtschaftlichen Macht und seiner ganz persönlichen
Überlegenheit“. Die Regisseurin zeigt in ihrer Inszenierung eine im wahrsten
Wortsinn herzlose Gesellschaft. Die Regisseurin setzt mit ihrer Lesart eine
Zäsur in der Ästhetik der company. Ihr ungemein körperlicher
Inszenierungsstil dürfte besonders den Nerv der jungen Generation treffen.
Viel Applaus für alle Beteiligten.
Weser-Kurier
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