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Das Unvermeidliche ist geschehen: Queen Elizabeth II hat das Zeitliche gesegnet und ihr Sohn steht in den Startlöchern, zum König gekrönt zu werden: Charles III. Mike Bartletts Drama verbindet die privaten Konflikte eines Monarchen mit politischen Ereignissen und kontrastiert den „Glamour“ der royalen Familie mit der Frage nach der Legitimität der Monarchie. Dabei beleuchtet es kritisch die Manipulationen, mit denen gewählte Volksvertreter politische Fakten schaffen. Typisch britisch: anspruchsvolles Thema und beste Unterhaltung zugleich.


Pressestimmen

Nie wieder Prinzenrolle
„Charles III.“ von Mike Bartlett in der Shakespeare Company amüsiert auf hohem Niveau

Keine Atempause, Geschichte wird hier auch in der Pause gemacht. Kaum ist das Publikum nach der ersten Hälfte von „Charles III.“ am Freitag in der Bremer Shakespeare Company ins Foyer geströmt, marschiert ein Königstreuer mit dem Plakat „God save the King“ durch die Menge, verfolgt von Schreihälsen mit Guy-Fawkes-Masken, die die Monarchie abschaffen wollen. Dazwischen: Zeitungsverkäufer, die ein Extrablatt verteilen mit einem Nacktfoto von Prince Harrys neuer Freundin auf der Titelseite.
Derzeit ist überall zu hören, die Welt sei aus den Fugen; in dem Großbritannien, das der Dramatiker Mike Bartlett in seinem „future history play“ entwirft, passiert das tatsächlich. Elizabeth II. ist tot, nun muss ihr ältester Sohn übernehmen, und der hat kaum mehr damit gerechnet. „Die Königin ist tot, es lebe der König – das bin ich“, sagt Peter Lüchinger in der Rolle von Prince Charles (der reale ist 68 Jahre alt) und wirkt so erstaunt über das, was er da gesagt hat, dass er wie ein Fleisch gewordenes Fragezeichen neben sich selbst zu stehen scheint. Charles sagt der Prinzenrolle ade und bringt das Land an den Rand eines Bürgerkriegs. Der Grund: Er weigert sich, ein Gesetz zu unterzeichnen, dem das Parlament bereits zugestimmt hat. Denn Charles, der König, will mehr sein als der „puppenhafte Doppelgänger“ eines Monarchen, wie er sagt. Er glaubt an Prinzipien. Und er scheitert an einer Gegenwart, die für ihn nur noch einen dekorativen Part vorsieht. Bartletts Stück, das die Shakespeare Company als deutsche Erstaufführung auf die Bühne gebracht hat, ist ein raffiniert gebautes und in weiten Teilen in Blankversen getextetes Werk, dicht an diverse Klassiker des Hausgotts der Company angelehnt, Zitateprall, aber weit entfernt vom Plagiat. Und deswegen so vergnüglich wie tiefgründig. Stefan Ottenis gelungene Übersetzung und rasante Inszenierung sowie das durchweg extrem gut aufgelegte Ensemble tun ein Übriges, um den beinahe dreistündigen Abend zu einem spannenden, unterhaltsamen, modernen Königsspektakel zu machen, das man als (Bremer) Theaterinteressierter nicht verpassen sollte.
Bartlett erzählt nicht einfach nur davon, dass Charles sich vom nachdenklichen Sonderling zum halsstarrigen Monarchieromantiker entwickelt – er baut eine Falle ein, durch die das Publikum sich nicht generös lächelnd zurücklehnen kann. Denn das Gesetz, das Charles nicht unterzeichnet, würde die Pressefreiheit in Großbritannien einschränken. Ist es da nicht sogar besser, wenn es jemanden gäbe, der die Entscheidungen der vom Volk gewählten Parlamentarier noch einmal weise korrigiert?
Charles, dessen Seelennöte und Stimmungsschwankungen Peter Lüchinger geradezu peinvoll deutlich ausspielt, ist überzeugt davon und wirkt auf einmal wie ein außer Kontrolle geratenes bockiges Kind, das allen peinlich ist und gar Panzer vorm Palast auffahren lässt. Charles muss sich nicht nur mit ihm lästigen Volksvertretern, dem Labour-Premier Evans (soigniert und konsterniert: Erik Roßbander) und dem Tory-Oppositionsführer Stevens (herrlich schmierig: Michael Meyer) herumschlagen.
Da gibt es auch noch die liebe Familie. Auch hier hat Bartlett ganz shakespearsch mit wenigen Pinselstrichen Charaktere vorgegeben, die nach Gusto ausgestaltet werden können. Denn: Die kennt man ja alle irgendwie. Und so macht Petra-Janina Schultz aus Kate eine moderne Lady Macbeth, Markus Seuss ist als William ein Kates Plänen zunehmend zugeneigter Gatte und Tim Lee gibt einen Harry, der sich mit der Kunststudentin Jess (Theresa Rose) eine Alternativexistenz zu seinem funktionslosen Leben bei Hofe ausmalt – es bleibt aber bei großmäuligen Ankündigungen. Die längst zum Mythos gewordene Diana wandelt als intriganter Geist durch die Szenerie. „Charles III.“ ist immer sichtbar Theater auf dem Theater, weil die Monarchie im 21. Jahrhundert nichts anderes mehr ist als Amüsement für Parkett und Rang. Abschaffen also das Ganze? Kann man machen. Doch solange König und Co. nicht stören, können sie auch bleiben. Charles hantiert am Ende mit einem Besen auf der leeren Bühne. Ohne seine Stimme und seine Überzeugung sei er nur Staub, hat er zuvor gesagt. Den fegt er immerhin ordentlich zusammen.

Weserkurier, 22. Januar 2017. Von Iris Hetscher.


Der König mag keine Routine
Mike Bartlett: King Charles III.

Im Theatervorraum steht ein Sarg. Geschmückt mit einem schlichten Kranz, davor das gerahmte Foto von Königin Elizabeth II. „Die Königin ist tot, lang lebe der König!“ - der alte Spruch ruft Prinz Charles ins Rampenlicht der Presse, der Politik, der Rollenfindung. Plötzlich und unerwartet sieht sich Charles, noch bevor er gekrönt wurde, in einem Konflikt gefangen, dem er nicht entrinnen kann. Und in dem ihm niemand der anderen Royals helfen kann, geschweige denn „das Volk“. Na und? könnte man mit hochgezogenen Brauen fragen: Wen kümmern die „Konflikte“ einer königlichen Familie heute, zumal eines Königs, der mit 66 plus im besten Rentenalter ist? Dafür ist die yellow press zuständig, die lese ich beim Friseur oder auch nicht — im Theater aber soll man denken, über Unerwartetes lachen oder vor Schrecklichem schaudern. Ist Mike Bartletts Schauspiel „King Charles III“ eine Soap-opera?
Der britische Autor nennt sein Stück „future history play“. Aus der einfachen „Was-wäre-wenn“-Frage — was wäre, wenn die königlichen Eltern Philipp und Elizabeth tot wären und Charles König — zieht er frappierenderweise genügend Stoff und Fallhöhe für ein Drama, das interessiert, bewegt, zum Lachen bringt und nicht zuletzt das Denken flink hält.
Bei der ersten Routine-Unterredung mit dem Premierminister nach dem Begräbnis der Queen wird Charles gebeten routinemäßig ein vom Parlament beschlossenes Gesetz zu unterzeichnen. Der gründliche und kritische Charles besieht sich das Dokument näher; es soll die Privatsphäre der Menschen besser vor Zudringlichkeiten der Presse schützen und ihre Methoden zivilisieren helfen. Und gerade Charles, der Zeit seines langen Lebens unter den Paparazzi der yellow press zu leiden hatte, verweigert die Unterschrift. Er sieht es als seine Pflicht an, die Pressefreiheit hochzuhalten. Der Premier, ein Labourmann, ist verwundert, geduldig, doch hart in der Sache. Das Gesetz gehe nicht mehr zurück zum Parlament, die Unterschrift Seiner Majestät sei lediglich ein formeller Akt, Routine eben.
Da geht Charles die ganze Hohlheit seiner Existenz auf. Zwar stellt er die Würde und Macht des britischen Parlaments nicht in Frage. Doch sei er „bewusst auf einen Zweck hin großgezogen“ worden, nämlich König zu sein. Aber was bedeutet das? Positiv kann er es nicht formulieren, aber negativ: Nicht eine Puppe, eine „leere Hülle“ will er sein, „die auf Befehle wartet, seelenlos und körperlos“. Der Regierungschef lässt ihn abblitzen: „Das ist Ihre Rolle, das haben Sie gewusst.“ Doch Charles kontert mit der schonungslosen Analyse: „For if my name is given through routine / And not because it represents my view / Then soon I’ll have no name, and nameless I / have not myself.“ („Doch wenn ich meinen Namen aus Routine geb / Und nicht als Zeichen meiner Überzeugung, / Dann hab ich keinen Namen mehr. / Und namenlos hab ich mich selber nicht“.) Dieses ehrenwerte, doch rein subjektive Argument zieht bei den gewählten Politikern selbstverständlich nicht. Charles sitzt in der Falle, an der er selbst mitgebaut hat, weil er das Spiel namens Routine nicht mitspielen will. Man kann ihn bedauern oder belächeln, und der wandelbare Schauspieler Peter Lüchinger ruft oftmals jenes Schmunzeln oder lautes Lachen im Publikum hervor, das einen überkommt, wenn man schwächliche öffentliche Gestalten agieren sieht und froh ist, nicht selbst dort zu stehen. Das sind die Elemente einer Tragikomödie - es gibt die tragischen Momente menschlicher Größe und die komischen Momente menschlicher Schwäche(n). Was aber machen die anderen? In einem zweiten Handlungsstrang sehen wir Harry, den zweiten Sohn von Charles und Diana, durch ein paralleles Drama stolpern. Auch hier lauert die Gefahr der Seifenoper im Hintergrund, doch gehört Harry – und seine Freundin Jess – zu den kräftigsten Figuren des Stückes, auch gerade darin, wie er mit dem gleichen Ernst wie sein Vater um eine glaubhafte Rolle im Leben ringt. Harry verliebt sich in eine selbstbewusste Kunststudentin, die ihm die Augen öffnet für die absurden Seiten der Monarchie, die ihn um seiner selbst willen liebt und ihm das herrlich freie Leben als „commoner“, als gemeiner Mann, mit der Freude an Döner und Pommes und an lauter schlichten Dingen zeigt. Die Szene, in der Harry die unprätentiöse, naiv- temperamentvolle Jess seinem Vater vorstellt und vor lauter Liebe überfließt, ist gewissermaßen die hellste des Stückes. Camilla wundert sich: Harry rede ja so schön, so leidenschaftlich, „und in Versen“. Wie das Liebespaar innerhalb des Schauspiels, so bilden auch ihre beiden Schauspieler, Theresa Rose und Tim Lee eine wesentliche Ader der Sauerstoffversorgung in der Inszenierung Stefan Ottenis. Dass wir es auch in dieser Nebenhandlung mit einer ziemlichen Fallhöhe zu tun haben, zeigt in gnadenloser Ironie das Schicksal Jessicas, die von der Tabloid-Presse mit Nacktfotos gejagt wird und später von dem politisch „korrekten“ Paar William und Kate von Harry getrennt wird.
Herzogin Kate (forsch und präsent: Petra-Janina Schultz) ist aus anderem Holze geschnitzt als die idealistische Jess. Pragmatisch ist sie, vom Scheitel bis zur Sohle, sie liebt „ihren Mann“, sie liebt Sätze wie „Da kommt mein Mann — er hat telefoniert.“ Sie ist so modern, so foto- und telegen und so ehrgeizig, dass sie die Journaille in der Hand hat, und William auch (Markus Seuss, mit Hang zum Träumerischen, doch knallhart kronenhörig auch er). Seine anfängliche Loyalität zum Vater gewöhnt sie ihm innerhalb weniger Tage ab. Und sie spricht wie eine Primadonna einen echten Monolog, in dem sie ihre Motivation für ihr berechnendes Handeln darlegt – Macht. Dies scheint allzu vorhersehbar und nicht überzeugend, zumal William und Kate, wie Camilla giftig bemerkt, nur „König und Königin der Klatschkolumnen“ seien. So gelungen die Shakespeare-Nähe in vielen Momenten ist: den Herzog und die Herzogin von Cambridge als Macbeth-Paar light darzustellen, die wie erotisch angezogen auf die Krone starren, hilft diesen heutigen Figuren nicht wirklich.
Eher noch ist der Geist Dianas ein lohnendes Theaterthema, doch hat sich hier die sonst so kreative Shakespeare Company Bremen nicht viel einfallen lassen, um wirkungsvolle Geisterszenen, in Anlehnung an Hamlet oder Macbeth, aufsteigen zu lassen.
Und die Sprache? Rainer Iwersen hat den Blankvers-Duktus von Mike Bartlett ins Deutsche übertragen – eine nicht ganz leichte Aufgabe, wenn man an die vielen Übersetzungsversuche der Shakespeare-Dramen denkt. Erich Fried kommt einem in den Sinn mit seiner im positiven Sinn respektlosen Annäherung an Shakespeares Sprache, etwa in dem Vers „Was bin ich ohne Geist? Ne taube Nuss. / Ich tu’s nicht, weil ich’s will, weil ich es muss.“ Das Original ist tiefgründiger und zugleich präziser: „Without my voice, and spirit, I am dust. / This is not what I want, but what I must.“
Mit einer Anti-Monarchie-Einstellung à la „die spinnen, die Briten“ würde man es sich gegenüber diesem Theaterstück zu einfach machen. Das Stück zeigt uns in einer kanalüberspannenden Lehrstunde, dass das machtlose Königtum irgendwie doch zum englischen Land, zu den Leuten und natürlich zur seiner Geschichte gehört – das problematische Wort der Identität lässt man besser beiseite –, und man es darum ernst nehmen sollte. Zumindest für einen gefüllten Theaterabend lang.

Die deutsche Bühne, 21. Januar 2017. Von Anja-Rosa Thöming.


Noch lebt Elizabeth II von Großbritannien, aber irgendwann wird es heißen: „Die Queen ist tot, es lebe King Charles!“ Wie geht es dann weiter? Wie macht sich der neue König? Darum geht es in dem Drama „King Charles III“. Sein englischer Autor, Mike Bartlett nennt es „A Future History Play“, ein historisches Stück, das in der Zukunft spielt. 2014 uraufgeführt, ist es inzwischen preisgekrönt und in England und am Broadway super erfolgreich. Jetzt ist es auch auf einer deutschen Bühne zu sehen: Gestern Abend erlebte das Drama seine deutsche Erstaufführung bei der Bremer Shakespeare Company – Margit Ekholt war bei der Premiere dabei.

Es läuft nicht gut für Charles. Als neuer König weigert er sich, ein Gesetz zur Beschränkung der Pressefreiheit zu unterzeichnen. Die Folge: ein handfester Konflikt zwischen ihm und dem Parlament. Das Ganze spitzt sich immer mehr zu, die Bevölkerung spaltet sich in Königstreue und Monarchie-Kritiker. Die Auseinandersetzungen gipfeln auf der Bühne in tumultartigen Szenen. Auch das Publikum wird einbezogen.

In der Pause setzt sich der Konflikt im Foyer fort, mitten zwischen den Zuschauern, die ihr Bier trinken: Extrablätter werden verteilt, Demonstranten brüllen, es kommt zu Prügeleien. Zurück auf der Bühne zieht Herzogin Kate als emanzipierte Machtfrau die Fäden, um ihren Mann William auf den Thron zu bringen. Und Harry, der zweite Königssohn? Er hat sich in eine Bürgerliche verliebt, der jedoch Nacktfotos zum Verhängnis werden. – Royale Abgründe at it‘s best.

Autor Mike Bartlett hat das Stück als „Königsdrama“ geschrieben,und tatsächlich finden sich darin auch jede Menge Anspielungen an echte Shakespeare-Dramen: Es ist nicht nur die Struktur mit ihrem Ringen um Macht, mit ihren politischen Intrigen, die verquickt sind mit einer Familiengeschichte, sondern auch die Sprache: das Stück ist tatsächlich in Blankversen geschrieben, wie einst bei Shakespeare! Dennoch klingt die Sprache in der Übersetzung von Rainer Iwersen sehr modern. Last but not least gibt es wunderbare Anspielungen: so tritt zum Beispiel wie im Hamlet ein Geist auf. Hier ist es der Geist von Prinzessin Diana.

Charles wird in dem Stück sehr ernst genommen. Er agiert moralisch, mischt sich in bester Absicht politisch ein, so wie es der echte Charles ja wirklich tut, anders als seine Mutter Elizabeth. Und so ist es ein sehr wirklichkeitsnahes und zudem ein topaktuelles Stück. Das hat auch Regisseur Stefan Otteni besonders begeistert:

„Es ist eine Familiengeschichte, eine Familie, die um politische Positionen ringt und um die Frage: Was darf ein Herrscher tun? Darf er demokratisch gewählte Parlamente überspringen? Man denkt sofort an Orban, an Erdogan, an Trump – heute wurde Trump vereidigt. Es ist offensichtlich, dass es nicht nur ein Museumsstück ist über die englischen Royals oder ein Gossip-Stück.“

Und mehr noch: das Stück beschreibt, dass eine Spaltung durch das britische Volk geht, wie sie ja dann durch den Brexit tatsächlich eingetreten ist. Da war Autor Mike Bartlett sehr hellsichtig.

Nach knapp drei Stunden hochdynamischer Schauspielkunst dankte das Bremer Premierenpublikum mit begeistertem Applaus. Zu Recht: Denn „King Charles III“ ist ein wunderbares Stück, spannend und mit Tiefgang. Das Ensemble der Shakespeare Company agiert mit vollem Einsatz. Ob Peter Lüchinger als Charles, Svea Auerbach als Camilla oder Petra-Janina Schultz als Kate – man hat als Zuschauer das Gefühl, dass da die echten Royals auf der Bühne stehen. Das liegt an den Kostümen, an den täuschend echten Frisuren, an dem ganzen Gehabe, das die Schauspieler sehr gekonnt imitieren. Großartig ist aber auch die Inszenierung: mit einfachen, schlichten Mitteln, lebendig, abwechslungsreich, kurzweilig. Empfehlung: Unbedingt reingehen!

zu hören unter: http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/nordwestradio/audio176534-popup.html
nordwestradio


Die Bremer Shakespeare Company schaut in die Zukunft
Heute ein König!
Das Schöne an alten Stoffen und Texten ist ihre Biegsamkeit. Gerade weil das Personal antiker, elisabethanischer oder bürgerlicher Trauerspiele nichts weiß von unserer Gegenwart, bleibt es – dramaturgisch gesprochen – geschmeidig. Verbindungen zu gegenwärtigen Gefühls- und Weltlagen müssen hergestellt werden. Parabeln. Theater-Arbeit. Heutiger Stoff ist, nun ja: mehr im Heute.
Mike Bartletts mit Formatvorgaben und Versmaßen von Shakespeare & Co. kokettierender Fünfakter „King Charles III“ macht notgedrungen die Interpretationsräume eng. Denn alle sattsam bekannten Figuren, vom Prince of Wales und seinen beiden Gattinnen über die Prinzen William und Harry bis hin zur jungen – und hier sehr machtorientierten – Stil-Ikone Kate sind eben das: Sie. Beziehungsweise Bühnen-Versionen des Bekannten.
Die Queen liegt im Sarg im Foyer. Auf der Bühne muss sich Charles als in die Jahre gekommener konservativer Moralist arrangieren mit der anstehenden Regentschaft. Bartlett baut einen nicht unklugen Konflikt im Grenzgebiet von Repräsentation, realer Macht und ererbter integrativer Aufgabenstellung: Charles soll ein neues Gesetz gegenzeichnen. Und dieses Gesetz ermöglicht weitreichende Einschränkungen der Pressefreiheit. Zum Schutz der Privatsphäre. Was ihm privat in den Kram passen müsste, man denke an Diana, lehnt er ab. Verweigert die Unterschrift, vormals als formaler Akt gehandelt. Unerbittlich im Versuch, seine Rolle zu definieren. Als Warner, Mahner. Eine Entscheidung, die ihm dramatikbegünstigend vielfach vor die Füße fällt: Das Vereinigte Königreich zeigt sich gespalten. Es kommt zu Aufruhr. Auch die eher links und monarchiefeindlich angesiedelte neue Freundin Prinz Harrys muss höflich dran glauben: Noch bevor sie den jungen Windsor-Spross umkrempeln kann in die Gegenwart, stolpert sie über von der Yellow-Press ausgeweidete Nacktfotos. Charles selbst wird zum Abdanken genötigt, bevor die Krone, die komödiantisch alarmgesichert als Zentralobjekt auf einem Sockel ruht, sein Haupt auch nur gestreift hat: William und – als treibende Kraft – Kate suchen selbst den direkten Weg zum Thron. Vorgeblich, um Sicherheit und Ordnung herzustellen. Nur was ist das für eine Ordnung, die in den vergangenen Jahrzehnten unter Elisabeth II. von thatcheristischem Bergarbeiter-Bashing über New Labour bis Brexit reichlich Fragwürdiges begünstigte?
Regisseur Stefan Otteni bemüht sich, Raum zu schaffen. Um ein vielseitig einsetzbares, drehbares tribünenartiges Bühnenelement lässt er die Szene (Peter Scior) weitgehend frei. Lässt so den Figuren Luft zum Atmen. Und dem Schauspiel-Ensemble der Bremer Shakespeare Company Platz und Zeit für Ungewohntes. Etwa wenn Erik Rossbanders Premierminister Evans und Peter Lüchingers (mitunter etwas starrer) Charles an entgegenstehenden Enden auf der Drehbühne stehen und ihre Sicht des Gesetzgebungs-Patt kreiselnd verlautbaren. Wenn eine schick animierte Ahnengalerie von Heinrich VIII bis Queen Victoria die grüngeparkate Kunststudentin Jess zur selbstrettenden Flucht aus den Buckingham-Hallen zu animieren suchen. Oder wenn Michael Meyers stimmlich sehr souverän über den (leider nicht durchgehend überzeugenden) Vers-Flow hüpfender Tory-Führer Stevens sich – Thronfolgerbesuch um Thronfolgerbesuch – zu einem der wenigen würdigen Nachfolger shakespearescher Strippenzieher und Ränkespieler emporeitelt. Wenn in der Pause Demonstrationspartikel royalistischer und monarchismusgegnerischer Parteien überraschend aggressiv durchs die gemütlichen Pausengespräche fegen. Nicht zuletzt in einer Folge sehr hübsch locker angelegter Geistererscheinungen, die die ewige Diana auch in diese postelisabethanische dramatische Gegenwart hineinspülen. Svea Auerbach, Theresa Rose und Petra-Janina Schulz teilen die Vergangenheitsbelastung zumal für Harry und William rotgewandet flüstersprechend unter sich auf.

Ganz schön anzuschauen über weite Strecken. Ohne dass sich der Eindruck darüber verflüchtigen würde, dass man es angesichts der gegenwärtigen Weltlage – vergleiche die reale Parallel-Inthronisierung am anderen Atlantikende am Premierenabend – mit dem Nebenschauplatz einer boulevardesk gekränkten Nation zu tun hat. Und vor allem mit einem Stück, das sich selbst mehr zugute hält, als es dann tatsächlich einlöst.

Kreiszeitung, 23. Januar 2017. Von Tim Schomaker.


radio bremen:
http://www.radiobremen.de/kultur/theater/shakespeare-charles100.html