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Zum Stück

Übersetzung: Elsbeth Gut Bozetti.
Regie: Marco Martinelli.
Musik/Perkussion: Kofi Mawuna Agbadohu, Jean-Baptiste Gama, Amandin Koue Manet.
Mit: Michael Meyer.

Die albtraumhafte Szene des Monologdramas “Wassergeräusch” ist ganz nah an der Realität: die ungelöste Flüchtlingsproblematik im Mittelmeer. Die Ästhetik von Text und Szene bilden eine eigene kraftvolle, dramatische Form.
Michael Meyer gibt eindringlich die fiktive, bedrohliche Figur des Offiziers des „Ministerium Infernalum“, der die zahllosen Toten, die diese reale Tragödie fordert, auflisten und benennen muss - eine verzweifelte Sisyphos-Aufgabe.
Martinelli findet durch das surreal anmutende Setting einen Zugang zu der tiefen Tragik des Geschehens. Es spiegelt das tödliche Ausgeliefertsein an schicksalhafte Gegebenheiten und fordert die Empathiefähigkeit des Zuschauers heraus
Die 3 Perkussionisten von “ProAfrika” geben den toten Flüchtlingen ihre “Stimmen“ mit Trommeln, Flöte, Balafon und Gesang. Ein Abend, der tief berührt.
Marco Martinelli zur Entstehung von „Rumore di aque“:
„Es war sofort klar, dass es kein rhetorischer Text werden konnte, weil dazu der Anlass zu bewegend und tragisch ist, ich wollte weder in Betroffenheit, noch in Gutmenschentum ausweichen…“ “Wir haben versucht, das Thema von allen nebensächliche Fakten zu abstrahieren, um einen traumähnlich-grotesken Zugang zu finden. Wir wollten kein didaktisch-informatives Stück machen, nicht einmal Erzähl-Theater. Ziel und Zweck war, dass es einem an die Eingeweide geht…, so wurde die Figur des Generals geboren, ein Mann halb Gaddafi und halb surreal, der in Zusammenarbeit mit einem erfundenen “Minister der Hölle” die Toten auf einer Klippe zwischen den Gewässern zwischen Afrika und Europa zählt.“
„Der General verkörpert das, was am schlechtesten von uns allen ist, eine Synthese aus den Weltherrschern und den Masken unserer Gleichgültigkeit. Ein Mann, der sich ganz allein in einem Dschungel von Nummern wiederfindet, denen er einen Namen und ein Gesicht geben muss…“
Diese Menschen, die da im Mittelmeer ertrunken sind, sie heißen Yusuf, Sakinah, Jean Baptiste, Yasmine, et cetera… Das Leben und die Gesichter hinter diesen Zahlen zu sehen, das schließt sich mit der Realität kurz…“


Pressestimmen

Warum eigentlich werden unsere Kleider und Nahrungsmittel immer billiger? Weil Menschen in Bangladesch und Marokko zu Hungerlöhnen nähen oder Krabben pulen. Was vor einiger Zeit noch kaum einer wusste, ist heute dem Großteil der deutschen Konsumenten bekannt – Folge einer Jahre langen Aufklärungsarbeit von Medien und Kulturbetrieben, darunter auch den Theatern. Warum geben die armen Menschen ihre schlecht bezahlte Arbeit nicht einfach auf und kommen zu uns? Die Antwort auf diese Frage, so scheint es mit Blick auf aktuelle Spielpläne, bildet nun die nächste Stufe dieser Aufklärungsarbeit. In Bremen steht die Flüchtlingsproblematik allein in dieser Woche gleich zweimal auf dem Programm. Am Freitag bringt das Theater am Goetheplatz Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ auf die Bühne, und am Montagabend war im Theater am Leibnizplatz bereits Marco Martinellis Drama „Wassergeräusche“ zu erleben: ein Einpersonenstück, das laut Ankündigung „einem Oratorium wahrer Geschichten von Flüchtlingen“ gleiche. Auf die Idee, heißt es, sei Martinelli bei einem Sizilienaufenthalt gekommen, im Gespräch mit jungen Tunesiern, die von ihren Familien erzählten, von gefährlichen Seefahrten, glücklichen Landungen und verheerenden Katastrophen. Er habe gleich an eine Bearbeitung für die Bühne gedacht, sagt der Regisseur: Dabei sei ihm allerdings klar geworden, dass ein solches Stück auf keinen Fall in die Betroffenheits- oder Gutmenschenschiene geraten dürfe. Nun, dem hat er in der Tat ausreichend vorgebeugt.
Auf einem fahl beleuchteten Podest macht sich ein Despot mephistophelischer Prägung (Michael Meyer) breit: die Uniform mit Orden behangen, die Hände von weißen Handschuhen geschont, die Augen von einer Sonnenbrille bedeckt. Prüfend, arrogant lässt er seinen Blick über ein vermeintliches Chaos vor der Bühne gleiten. „Ein einziges Durcheinander“, schnarrt er ärgerlich: „Das braucht eine Ordnung!“
Und so ordnet er in Zahlen, trennt die Nummer 1248 von der 2917, die 3999 von der 3455. Es muss sich um ertrunkene Flüchtlinge handeln, wie sich alsbald dem eigentümlich gebieterischen Schnarren entnehmen lässt, um Menschen wie Yussuf, einem großmäuligen Jugendlichen aus der Westsahara. Er hatte mit seinem kleinen Kahn angegeben, hatte behauptet, damit auch auf die kanarischen Inseln übersetzen zu können. Und als sie dann alle kamen, ihm Geld gaben für die große Überfahrt, gab es kein Zurück mehr: Kaum draußen aus der seichten Lagune kam die Zwei-Meter-Welle, begrub Schiffer und Kahn.
Der General erzählt das mit höhnischer Färbung, schwingt sich begleitet von drei Trommlern im Hintergrund (Kofi Mawuna Agbadohu, Jean Baptiste Gama und Amandin Koue Manet) auf zu einem militärisch zackigen Lobpreis auf das Mittelmeer als Friedhof, wie es weit und breit keinen effizienteren und billigeren gebe. Dann kommt die nächste Nummer: 1111, eine Prostituierte aus Tunis. Wollte mit abgehalftertem Kutter nach Italien. Schiffbruch, Untergang, zusammen mit ihren Kolleginnen: „Statt wohlriechend zwischen den seidenen Laken der Weißen liegen sie jetzt dort, zerfressen von Fischen.“
So geht das immer weiter: Der General zählt, sortiert, höhnt. Von hinten erklingt dazu das Getrommel, mal virtuos, mal meditativ. Doch weder der eine noch der andere Stil vermag zu erklären, was man mit diesem skurrilen Diktator und seinen Geschichten nun eigentlich anfangen soll. Sich betroffen zeigen? Das war ja nun gerade nicht beabsichtigt. In ihm eine Kritik sehen? Nur: auf was?
So krächzt dieser Despot des Mittelmeers ins Leere, verkommt seine Aufzählung von Tragödien zu einer gleichermaßen makabren wie ermüdenden Nummernrevue. Allein das Trio an den Trommeln sorgt mit seinen klanglich wie rhythmisch reizvollen Beiträgen für manche glückliche Minute: Ohne Text hätte es ein richtig schönes Konzert werden können.

Kreiszeitung, vom 12.11.2014. Von Johannes Bruggaier.


Hinter den Zahlen verbirgt sich das Leid der Flüchtlinge

Zahlen, Zahlen, nichts als Zahlen? Es sind unzählbar viele Menschen, die versuchen, von Afrika nach Europa zu gelangen, meistens mit Booten und oft mit tödlichem Ausgang. Ihr Leid findet hierzulande wenig Gehör, und so ist es einer Reihe von Theaterprojekten ein Anliegen, den Opfern eine Stimme zu geben, die tiefer in die Gesellschaft hineindringen könnte. Im Theater am Leibnizplatz hatte nun das Stück „Wassergeräusch“ im Rahmen des Festivals Africtions Premiere. Es ist eine Kooperation von steptext dance project und der Bremer Shakespeare Company, die dieses Stück des italienischen Dramaturgen Marco Martinelli präsentiert. In einem großen Monolog werden darin jene Tragödien skizziert, die sich hinter den Zahlen verbergen. Zur Premiere stemmte der Schauspieler Michael Meyer mit Bravour diesen aufreibenden Text, der davon erzählt, dass das Mittelmeer längst zur Todeszone geworden ist. Abweisung ist das Thema. Und so steht auf einem leuchtenden Podest eine Gestalt, die wie die personifizierte Ablehnung daherkommt: Behängt mit übergroßen Orden, das Gesicht hinter einer Sonnenbrille verschanzt, so präsentiert ein Diktator von der kaltherzigsten Art vor allem eines: Zahlen. Große Zahlen, kleine Zahlen, anonyme Zahlen.
Manchmal leuchten sie hinten auf einer Leinwand. Sie geben statistische Auskünfte über nicht identifizierte Menschen, die ertrunken sind, deren Boote kenterten, die vom Küstenschutz abgedrängt wurden, oder die schwimmend versuchten, rettendes Land zu erreichen. Hinter allen Zahlen verbergen sich Geschichten, welche in dieser Bühnenfassung von einem Unmenschen von seiner höheren Warte herab referiert werden.
Michael Meyer, der dies mit Sarkasmus und beunruhigender Härte vorführt, schärft seine Darbietung mit einem ätzenden Tonfall, als habe er selbst seinen Durst mit Salzwasser zu löschen versucht. Gelegentlich werden seine Tiraden von den Klängen dreier afrikanischer Musiker unterbrochen und ergänzt. Sie schaffen musikalische Ruhephasen und ermöglichen dem Zuschauer, die oftmals drastischen Bilder zu verarbeiten.
Beispielsweise nach dem Bericht von jenen 77 Bootsinsassen, die nach dem Kentern von der Schiffsschraube der Küstenwache angezogen und zerschnitten wurden. Aber auch politische Dimensionen hallen hier nach. An einer Stelle parodiert Meyer wirkungslose, diplomatische Scheinveranstaltungen zwischen Afrika und der Ersten Welt. Die Aufführung geht durchaus nahe; vor allem deshalb, weil sie einen hohen Sinn für die irrationalen, unaussprechlichen Gefühle von Wut und Verzweiflung in sich trägt. In einer langen Sequenz gibt es eine Art „Kriegserklärung an die Fische“ zu hören. Welch bittere Behauptung, dass ausgerechnet die Fische, welche die Ertrinkenden fressen, an dieser Tragödie Schuld tragen.

Weser-Kurier, 12. November 2014. Von Sven Garbade


“buten un binnen“ vom 10. November 2014, Christine Gorny über Marco Martinellis „Wassergeräusch“.
http://www.radiobremen.de/mediathek/index.html?id=112797

„nordwestradio“ vom 11. November 2014, Margit Ekholt über Marco Martinellis „Wassergeräusch“.
http://www.radiobremen.de/kultur/theater/wassergeraeusche-ekholt100.html


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